Roncalli-Jubiläumstournee und Premiere Recklinghausen

Überblick

Bernhard Paul (Gründer und Direktor von Circus Roncalli) skizziert anlässlich des 50-jährigen Jubiläums Start, Ausrichtung und Besonderheiten der neuen Tournee mit Premiere in Recklinghausen: internationales Ensemble, Proben und Programmfeinschliff vor Ort, Zirkus als Kulturform, persönliche Clown-Historie, Innovationen, Familiennachfolge, neue Zirkusglocke, Technikfragen sowie Medien- und Stadttermine.

Internationales Ensemble und Behördenlage

  • Ensemble aus 28 Nationen; Visa-Prozesse werden schwieriger und dauern länger, einzelne Flüge kommen nicht durch. Probleme liegen laut Paul primär bei Behörden, nicht bei den Künstlerinnen und Künstlern.

Proben, Programm und Tour

  • Proben in Recklinghausen gestartet. Das Programm wird nicht vorab „erzählt“: Es ist eine „Oper fürs Auge und die Ohren“, dicht getaktet mit vielen Bildern in ca. 2,5 Stunden und entsteht in Teilen während der Proben.
  • Recklinghausen ist seit Jahren zentrale Erstspielstätte und „Heimspiel“ mit engen lokalen Partnerschaften (z. B. Teppiche/Schriftzüge); früher deutlicher Einfluss auf Besucherzahlen der Festspiele.
  • Die Jubiläumstournee läuft zwei Jahre durch Österreich und Deutschland (u. a. Wien, Graz, Linz, Innsbruck). Recklinghausen ist erste Station; hier werden anhand des Publikums Spannungsbögen, Taktung und Musik passgenau angepasst.

Zirkus als Kultur und Geschichte

  • Paul betont Zirkus als familiengeeignete Kunstform, in der „Intellektuelle und Kleinkinder in derselben Sekunde lachen“; Verweis auf „Papst Johannes 23.“ und die integrative Kraft verschiedener Nationen, Religionen und Ideologien.
  • Historische Ausgrenzung des Zirkus aus der „Kultur“ (u. a. durch Goebbels). Langjähriger Einsatz für Anerkennung (z. B. Kulturbotschafter NRW, Gastspiele in Moskau und bei der Expo Sevilla).
  • Roncalli ist „immaterielles Kulturerbe“ der EU; laut Paul ohne konkrete Vorteile.
  • Corona: zwei Jahre Berufsverbot. Paul entließ niemanden. Trotz Widrigkeiten feiert Roncalli 50 Jahre, der Gründer ist weiterhin aktiv.

Clowns und künstlerische Handschrift

  • Paul liebt komische Nummern; war selbst jahrzehntelang Clown (u. a. Trio mit Weißclown, August, Kontraaugust).
  • Talentfindung als „Trüffelschwein“: entdeckt oft übersehene Künstler und entwickelt sie; Beispiel: neuer Clown-Gast „Huschner Husch“.
  • Bezüge zu Vorbildern und Weggefährten (u. a. Kroc und Charlie Rebell; Freunde wie „Francesco Carole“ bzw. „Francesco Caroli“). Würdigung der Zirkusgeschichte vor dem Zweiten Weltkrieg.
  • Finale-Liedtradition: „komm zurück“, gesungen von „Francesco Caroli“; auf Schallplatte aufgenommen; große emotionale Bedeutung innerhalb der Roncalli-Familie.

Familie und Nachfolge

  • Paul ist verheiratet, drei Kinder übernehmen zentrale Rollen:
    • Lilly/Lili: Teilnahme an „Let’s Dance“ ohne Tanzerfahrung und Gewinn der Show.
    • Sohn: gestaltet Programme im Apollo Variety in Düsseldorf; spezialisiert auf Rock’n’Roll, spielt Gitarre, führt Regie; Shows sind ausverkauft.
    • Vivi: zuständig für Casting und Kostüme; Pauls „rechte Hand“ für reibungslose Abläufe.

Innovation und Stilbildungen

  • Erster Zirkus weltweit ohne Tiere; inzwischen branchenweit übernommen (Ausnahme: Russland).
  • Einsatz neuer Elemente wie Holografie. Musikalische Handschrift mit Georg Pommer (seit Beginn dabei): Integration von Beatles/John Lennon und Klassik; Projekte mit Philharmonikern und Konzerthäusern.
  • Kostüm- und Uniformreform: weg von Standard-Smokings für Requisiteure und uneinheitlichen Artistenkostümen; hochwertige, einheitliche Kostüme (u. a. Maria Lucas) und Uniformen eines Wiener Ausstatters der Sissi-Filme; rote Uniformen mit goldenen Knöpfen als stilprägend.
  • Publikumsservice aufgewertet: erster Kaffeewagen im Zirkus; bessere Gastronomie statt „Tapezierertisch mit Cola und Bockwürsten“.

Licht und Technik

  • Vor Corona wurden Restbestände klassischer Glühbirnen aufgekauft; weiterhin Einsatz an ausgewählten Stellen („Glühstrümpfe“, Lichterketten). Zunehmend LEDs mit warmem Glühlicht-Charakter.
  • Gemeinsame Tests mit Werkstätten in Köln und Herstellern (u. a. Farbanpassungen wie Rottöne) zur gewünschten Lichtstimmung.

Neue Zirkusglocke

  • Zum Jubiläum eigene Glocke von traditionsreicher Gießerei (seit ca. 700 Jahren; u. a. Wiener Pummerin). Guss bei ca. 1100 Grad; sehr langsames Auskühlen nötig.
  • Segnung durch den Bischof von Innsbruck; musikalischer Rahmen mit Glockenspiel und den St. Florianer Sängerknaben. Die Glocke ist auf den Kammerton des Orchesters abgestimmt.
  • Geplante Nutzung: künftig am Eingangszelt; vor jeder Vorstellung ertönt sie. Wegen Abkühlung/Finish noch nicht einsatzbereit; Ziel ist, sie in Recklinghausen zu erhalten.

Anekdote: Lampenfieber

  • Paul hatte nie Lampenfieber. Premiere 1980 („Die Reise zum Regenbogen“) in Köln-Neumarkt: Überfüllung bis auf Treppen und Orchesterpodium; drohende Instabilität einer Treppe; schnelle Abstützung durch Schlosser „Moskoma“. Fokus auf Lösung statt Aufregung – seither kein Lampenfieber.
  • Werdegang als Clown: Ursprünglich kein Zirkusdirektor werden wollen. Mangels drittem Partner übernahm Paul selbst – aus der „Ausnahme“ wurden rund 30 Jahre und neun große Clownnummern.

Internationales Touring und Ausblick

  • Stolz auf Gastspiele mit Zelt in Moskau und New York. Aktuell keine Rückkehr in die USA „unter einem Trump-Präsidenten“; Moskau derzeit ebenfalls nicht geplant.